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Vom Neben- zum Hauptdarsteller
08. Juli 2014

Bis vor wenigen Jahren lautete die Frage noch, wie viel Recyclingmaterial kann man einem Rezept zugeben? Heute lautet die Frage eher, wie viel Neumineral gebe ich dem Recycling zu. Innerhalb der letzten 10 Jahre gewinnt das Thema Recycling überall dort, wo Strassenunterhalt im Vordergrund steht, immer grössere Bedeutung. Die Zukunft des Strassenbaus liegt daher im echten Recycling von Asphalt.

 

Die heutige Welt-Strassenkarte zeigt zwei grosse Strassennetze, die weitgehend ausgebaut sind: Das der USA und das des «alten» Europas – jedes ist etwa sieben Millionen Kilometer lang. Dennoch wird der Asphaltbedarf für den Strassenunterhalt zukünftig den für den Strassenneubau weit übersteigen. In Westeuropa werden bereits heute immer weniger neue Strassen gebaut. Der produzierte Asphalt wird daher vorwiegend für Erneuerungsmassnahmen und Kapazitätserweiterungen des vorhandenen ­Strassennetzes verwendet. Jährlich ­fallen hierbei Millionen Tonnen Ausbauasphalt (RA, Reclaimed Asphalt) an, welcher bis auf wenige Ausnahmen vollumfänglich wieder zum Bau von neuem Asphaltbelag eingesetzt wird.

 

Ressourcenschonend ohne ­Qualitätseinbusse

Asphalt ist eines der wenigen Materialien, welches zu 100 % wiederverwendet werden kann, und gehört mit 1.6 Milliarden Tonnen auch zu den weltweit am meisten produzierten Materialien. Während andere Stoffe bei jedem Recyclingzyklus an Werthaltigkeit einbüssen, kann Asphalt für die ursprüngliche Anwendung mehrmals eingesetzt werden. Asphalt im Strassenbau erlaubt daher einen geschlossenen Materialkreislauf. In den letzten Jahrzehnten haben sich ­Bauherren, Forschung und Strassenbauindustrie in Deutschland und international kontinuierlich für eine erhöhte Recycling-Quote eingesetzt. Da Asphalt zu einem überwiegenden Teil aus einheimischem Gestein und zudem aus dem Erdölderivat Bitumen besteht, liefert Asphalt-Recycling einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Damit einhergehend reduziert sich auch der Aufwand an sogenannter «grauer Energie», welche für Gewinnung, Lagerung, Transport usw. der ­Primärrohstoffe aufgewendet werden müsste.

 

Grosses Know-how erforderlich

Echtes Recycling bedeutet, dass der aus der alten Strasse gewonnene Asphalt wieder zum Bau von neuen, hochwertigen Asphaltschichten verwendet wird. Es geht also darum, dass man möglichst viel Ausbau­asphalt verwendet und mit der Zugabe von Korrekturkörnungen, neuem Bindemittel und Additiven hochwertigen Asphalt herstellt. Die technischen Voraussetzungen für einen geschlossenen Materialkreislauf des Ausbruchasphaltes sind gegeben, und der Einsatz von RA-Material wird in Zukunft noch weiter steigen. Der Einsatz von Recycling setzt aber auch hohe Anforderungen an die Asphaltproduzenten und ihre Anlage. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei die schonende Erwärmung des Ausbauasphaltes. Das Bitumen im Asphalt ist während der Produktion und der Liegedauer auf der Strasse einem Alterungsprozess unterworfen. Im Wesentlichen bedeutet dies, dass das Bitumen viskoser, steifer und brüchiger wird. Durch geeignete Aufbereitungsmethoden oder die Zugabe spezieller Additive können die Auswirkungen des Alterungsprozesses wesentlich reduziert werden. Je nach angestrebter Recycling-Quote stehen dem Asphaltproduzenten unterschiedlichste Techniken und Technologien zur Verfügung.

 

High Recycling Technology – kurz HRT

Durch den Paradigmenwechsel in den letzten Jahren wird Recycling vom Neben- zum Hauptdarsteller und damit zur massgebenden Materialkomponente. Die Mischanlage Universal HRT (High Recycling Technology) von Ammann ist besonders für die Verarbeitung von sehr hohen Recycling-Anteilen ausgelegt und entspricht dieser grundlegenden Philosophie-Änderung in der Asphaltherstellung. Der augenfälligste Unterschied zu konventionellen Asphaltmischanlagen ist, dass der gesamte Recycling-Haushalt senkrecht oberhalb des Mischers angeordnet ist und so minimalen Verschleiss und einen optimalen Transport des warmen Ausbau­asphaltes garantiert. Der HRT-Ansatz bedeutet auch, dass im Mischturm der Anlage ausreichend Platz für Additivzugaben, Kontroll- und Wartungsarbeiten zur Verfügung steht und der gesamte Produktionsprozess vom Steuerungs­system überwacht wird. ­Übrigens: Die hochmoderne Technologie der ­HRT-Anlage überzeugte von Anfang an. Seit der letztjährigen Bauma in München sind bereits eine Reihe dieser Anlagen in ­Europa verkauft worden – einige davon sogar mit dem RA-100 %-System.

 

«Die ‹High Recycling Technology› ist eine neue Philosophie in der Asphaltaufbereitung, die den neuesten Umweltentwicklungen bezüglich Schonung der Rohstoffe Rechnung trägt. Dieses neue Konzept unterstützt den nachhaltigen Strassenbau.»

Rolf Jenny, Head of Business Deve­lopment, Ammann Group, Schweiz

 

«Ich bin sehr beeindruckt von der Art, wie sich dieser Asphalt mit hohem Recycling-Anteil verarbeiten lässt.»

Rosco Whitcombe, seit ca. 40 Jahren bei Downer Asphaltwalzenfahrer, Australien

 

«Wie erwartet hat die neue Ammann HRT-Anlage unsere ­Kapazitäten deutlich vergrössert, und wir haben bereits festgestellt, dass die Produktivität ohne Einbussen bei der Flexibilität gesteigert werden konnte.»

Steve Ainscow, Surfacing Manager ­Downer South Australia

 

«Die HRT-Anlage ist sowohl für die Herstellung von Heissmischungen, Niedertemperaturasphalt als auch für Kaltasphalt ausgestattet. All das ist Teil des Nachhaltigkeits- und Flexibilitätskonzepts dieser Anlage.»

Andreas Biedermann, Experte für Niedertemperatur-Asphalt, ­Ammann Group, Schweiz

 

Interview mit Peter Gärtner, ­Konstruktionsleiter bei Ammann Asphalt GmbH in Alfeld

Was ist der grösste Unterschied zwischen einer «normalen» Mischanlage und einer «HRT-Mischanlage»?

Peter Gärtner: «Während bei herkömmlichen Asphaltmischanlagen Ausbauasphalt als Zugabe in den Produktionsprozess betrachtet wird, steht das Recyclingmaterial bei der HRT im Mittelpunkt. Bei der Konstruktion der Anlage wurde alles auf den Baustoff Ausbauasphalt ausgerichtet. Mehr noch, es ist die massgebende Grösse und hat somit das Design der Anlage stark geprägt.»

 

Was war dabei der massgebliche Faktor für die Entscheidung, sich ein neues, ein anderes Design zu überlegen?

Peter Gärtner: «Die speziellen Materialeigenschaften von Ausbauasphalt haben hier eine wichtige Rolle gespielt. RA-Material lässt sich schwieriger fördern, erhitzen, dosieren und lagern als Neumineral. Insofern lag es auf der Hand, dass das RA-Material den kürzesten, direktesten und einfachsten Weg durch die Anlage bis zum Mischer erhält. Das einfacher handzuhabende Neumineral wird in der Priorität auf den zweiten Platz verwiesen. Im Fokus steht das Recycling.»

 

Das leuchtet ein. Was bedeutet das ­konkret für die HRT?

Peter Gärtner: «Die konsequente Umsetzung dieser Punkte in der Konstruktion ergab, dass der Mischer zentral unter der Recycling-­Seite des Mischturms angeordnet werden muss, damit kein horizontaler Transport des RA-­Materials stattfindet. Diese Anordnung erlaubt den Verzicht auf asymmetrische Behälter und schräge Transportschurren. Dadurch ist die Anlage sehr kompakt und weniger hoch. Diese drastische Verkürzung der RA-Transportwege innerhalb der Anlage minimiert den Verschleiss enorm und reduziert die Energiekosten (Beheizung der Förderwege).»

 

Gibt es sonst noch Neuerungen oder ­Weiterentwicklungen innerhalb des ­HRT-Konzepts?

Peter Gärtner: «Ja, natürlich. In jeden neuen Anlagentyp fliessen unsere neusten Erkenntnisse und Innovationen ein. So erhöht das HRT-Konzept die Flexibilität der Mischgutaufbereitung, da die Anlage schneller zwischen unterschiedlichen Recycling-Rezepten wechseln kann. Konkret heisst das, dass die HRT grundsätzlich über zwei unterschiedliche RA-Zugaben verfügt, diese aber auch kombinieren kann. Die Kaltzugabe direkt in den Mischer und/oder die Warmzugabe über die Paralleltrommel oder die RAH100-Trommel.»

Wie sieht es mit der Produktion von ­temperaturabgesenktem Asphalt aus?

Peter Gärtner: «Das ist jederzeit ­möglich. Zum einen gibt es die Möglichkeit, Nieder­temperaturasphalt herzustellen mittels Schaumgenerator. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die feinen Gesteinskörnungen als Kaltzugabe direkt in den Mischer zu bring­en und nur die groben Gesteinskörnungen in der Paralleltrommel oder RAH100-Trommel zu erhitzen. Auf diese Weise wird das zurückgewonnene Bitumen des Ausbauasphaltes schonender erwärmt. Diese gezielte Kombination von Kalt- und Warmzugabe beeinflusst massgeblich die Asphalttemperatur. Dieser Effekt ist vor allem bei der Produktion von temperaturabgesenkten Asphalten tragend.»

 

Gibt es weitere Optimierungen zu einer herkömmlichen Asphalt-Mischanlage?

Peter Gärtner: «Die gibt es. Neben den oben aufgeführten Vorteilen bietet das neue Design einen weiteren Pluspunkt in einem sehr wichtigen Detail: Bei der Produktion von Asphalt mittels Kaltzugabe von Recycling muss der entstehende Dampf abgesaugt werden. Die Konstruktion der HRT ermöglicht die senkrechte Anordnung der Wasserdampfentsorgung in einer Dimension, die es so noch nie gab. Durch eine solche Anordnung ­konnte der Einfluss der Absaugung auf die Dosierung sowie auf den Mischprozess weiter optimiert werden.»

 

Ein grosses Thema ist auch immer die Wartung einer Anlage. Wie sieht hier die HRT-Lösung aus?

Peter Gärtner: «Trotz optimierten Transportwegen sind regelmässige Wartung und Kontrollen der Anlage von entscheidender Bedeutung. Diese werden erfahrungsgemäss vom Anlagenpersonal mit grösserer Aufmerksamkeit durchgeführt, wenn die kritischen Punkte gut erreichbar sind. Die HRT-Anlage ist daher mit grosszügigen Begehungen und Plattformen ausgestattet.»

 

Die neue Universal HRT scheint im Markt gut anzukommen. Was ist Ihr Fazit?

Peter Gärtner: «Die HRT-Anlage stellt das Recycling von Asphalt konsequent in den Mittelpunkt der Asphaltherstellung und ermö­glicht dem Mischmeister so, alle Asphaltsorten, also von der Tragschicht bis zum Deckenmaterial, ökonomisch aufzubereiten. Dabei kann er wählen, ob die Leitgrösse das Recycling-Material oder das Neumineral ist. Das substituierende Material lässt sich dann stufenlos und rezeptgenau dem Leitmaterial anpassen. Alles in allem ein Konzept, das auf die Zukunft ausgerichtet ist.»